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Peter Jaeggi

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Peter Jaeggi

Die Folgen von Kriegen und Katastrophen bewusst machen


Peter Jaeggi ist Freischaffender Autor, Fotograf und Mitarbeiter von Schweizer Radio SRF2, SWR2, ORF und anderen nationalen und internationalen Medien. Mit seinem ersten Dokumentarfilm «In der Nacht fliegt die Seele weiter» landete er 2013 einen Überraschungserfolg. Nun wird das Porträt über die blinde Künstlerin Pina Dolce diese Woche am Festival International du Film sur le Handicap in Cannes gezeigt. Einer von insgesamt sechs Dokumentarfilmen, welche die Jury für das Festival auswählte.

Eine blinde Frau malt, fotografiert, ist Mutter und führt den Haushalt. Peter Jaeggi hat Pina Dolce mit der Kamera begleitet, sie ohne Voyeurismus behutsam porträtiert. Mit Sensibilität und grosser Empathie. Als der Dokumentarfilm an den Solothurner Filmtagen 2013 gezeigt wurde, blieb das Publikum aufgewühlt sitzen. Pina Dolces Geschichte hat auch die Jury in Cannes bewegt. Sie wurde aus unzähligen Dokumentarfilmen, gemeinsam mit fünf weiteren Dokus, für das Festival ausgewählt. Peter Jaeggi nimmt die Ehre gelassen. Freut sich vor allem für die Protagonistin und für die Produktionsfirma Insertfilm. Doch ein bisschen Stolz ist zu spüren. Der Journalist mit dem sozialkritischen Denken und empfindsamen Herzen interessiert sich jedoch nicht nur für das Aussergewöhnliche, sondern seit jeher dafür, was skrupelloses Handeln Menschen, Tieren und der Natur für Schaden zufügt. Wie ein roter Faden ziehen sich Reportagen über Spätfolgen von Kriegen und Naturkatastrophen durch sein Schaffen. Auf die Frage, wie er sich vor dem Leid und Schmerz, welches beim Recherchieren auf ihn einprasselt, schützt, antwortet er unprätentiös: «Selbstverständlich tut es an der «Front» oft weh. Gleichzeitig jedoch ist man sich bewusst, dass es solche Berichte braucht. Nur eine gute Information trägt letztlich dazu bei, Leid und Schmerz von Betroffenen zu mildern und künftig zu verhüten. So betrachtet, kann man auch viel Schweres leichter ertragen Man reist ja nicht als Katastrophentourist, sondern setzt sich intensiv mit betroffenem Menschen auseinander. Das ist oft auch eine grosse Bereicherung.» Dies hat der Weitgereiste in Vietnam und Indien erfahren. Peter Jaeggi fuhr auch in die «Todeszonen » von Tschernobyl. In einem verlassenen Dorf traf er einen einzigen Menschen. «Ein alter, behinderter Mann sass im Garten am Boden. Alleine. Verlassen. Das sind Bilder, die man mitnimmt, nicht einfach loswerden kann.» Die Geschichte erinnert ihn an den Besuch von Kalkutta (heute Kolkata). Hugo Jaeggi, international reputierter Fotograf und Solothurner Kunstpreisträger gleichen Namens, aber nicht verwandt, begleitete ihn auf eine Indienreise, wo sie eine Geschichte über die Lepra realisierten. Durch einen befreundeten Arzt lernten sie Mutter Teresa kennen. «Natürlich waren wir vor dem Interview mit dieser bewunderten und verehrten Ordensfrau sehr nervös. Doch dann kam eine kleine, gebeugte und zierliche Frau auf uns zu. Vibrierte allerdings von Energie und Tatkraft. Bald meinte sie: Fertig fotografiert. Schon war sie wieder verschwunden.»

Vietnam, Tschernobyl, Indien, Sumatra
In den Slums von Kolkata wurde er Zeuge, wie ein Kind einfach so auf der Strasse starb. «Das sind Momente, die schwierig sind.» Mittlerwelle ist ihm Indien trotz aller Gegensätze zu einer liebgewordenen und vertrauten Destination geworden, in der einige seiner engsten Freunde leben. Um so schmerzlicher trifft ihn das Einreiseverbot der Regierung. (Siehe Persönliche Fragen.) Eine ähnlich intensive Beziehung verbindet den Solothurner mit Sumatra, wo eine befreundete Biologin die erste Forschungsund Rehabilitäts-Station für die vom Ausstreben bedrohten Orang-Utans aufbaute. «Selbst vor Ort sind sich die Menschen nicht bewusst, wie bedroht diese Menschenaffen wirklich sind», mahnt Peter Jaeggi. Er besitzt das wohl grösste Orang-Utan-Fotoarchiv der Schweiz, plant weitere Reportagen sowie ein Buch zum Thema. Dazu wird Peter Jaeggi Ende Jahr nach Borneo fliegen. Der Journalist liess sich nie korrumpieren oder instrumentalisieren. Er ist der Mann, der weltweit Menschen und Tiere ins Zentrum stellt, die Hilfe benötigen oder Herausragendes geleistet haben. Er ist längst ein Teil von ihnen, gehört dazu. Daran wird auch Cannes nichts ändern. Silvia Rietz