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Ihr Ziel ist es, die Menschen mit Kultur glücklicher zu machen

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Ihr Ziel ist es, die Menschen mit Kultur glücklicher zu machen

«Denn der Mensch und die Kultur sind untrennbar»


Gabriella Affolter (54) ist Kulturvermittlerin mit Leidenschaft und ist selbst als Künstlerin tätig.

Gabriella Affolter (54) ist Kulturvermittlerin mit Leidenschaft und ist selbst als Künstlerin tätig. Ihr Ziel ist es Menschen zusammenzubringen, um etwas zu erschaffen. Gabriella Affolter lebt in Leuzigen, ihre Projekte finden aber hauptsächlich in der Kreativwerkstatt Solothurn statt. Ein Ort mit Farbe, Material und bewegenden Momenten. Ihr Ziel ist, die Menschen glücklich zu machen, und sie ist überzeugt, dass Kultur, Kunst wie auch unsere natürliche Beziehung zu unserem Mitmenschen dabei eine Schlüsselfunktion haben.

 

 

Gabriella Affolter, wie kann man sich Ihre Arbeit als Kulturvermittlerin vorstellen?

Meine Arbeit ist von Neugier und Inspiration geprägt. Ich nehme alle Impulse des Lebens auf und sie werden zu meinen Werkzeugen.

Was sind das für Impulse?

Das kann ein Duft, eine Begegnung oder ein bestimmtes Material sein. Ich lasse einfach alles auf mich zukommen und sehe es als Geschenk zur Entstehung von Kunst und Kultur. Ich verbinde Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Kulturkreisen. Mich bereichert die Vielfalt der Inspirationsquellen. Aus Trennungen mache ich Verbindungen in allen Sparten wie Musik, Tanz oder Literatur. Themen wie Religion, Leben und Tod sowie Traditionen und andere Weltanschauungen prägen meine Arbeit und unsere Projekte.

Interkulturelle Schriftbilder sind ein Hauptthema Ihrer Arbeiten. Können Sie beschreiben, was das ist und wie sie entstehen?

Das Projekt Interkulturelle Schriftbilder besteht seit 2006 und wird in diesem Jahr zum 18. Mal ausgeschrieben. Es ist die Weiterführung der seit 1995 erfolgreich durchgeführten literarischen Veranstaltungen und Ausstellungen der Kreativwerkstatt Solothurn.

Und was genau passiert da?

Diesen Sommer finden in Solothurn zwei art camps mit dem Thema Schriftbilder statt. Vom 1.–13. August und vom 15.–27. August (www.schrift-bilder.ch und creafact@solnet.ch). Während dieser Zeit  arbeiten junge Menschen aus der Schweiz und aus verschiedenen Ländern wie Spanien, Italien, Japan, Südkorea, Russland, Georgien, Israel, Iran etc. an ihren interkulturellen Schriftbildern, die dann während einer Ausstellung für ein breites Publikum zugänglich sind. Die eingeladenen ausländischen Jugendlichen gestalten gemeinsam mit den jungen SchweizerInnen kleinformatige bespannte Keilrahmen. Mit Pinsel, Feder, Stift oder anderen Werkzeugen bringen sie ihre eigenen Kurztexte, Gedichte, Wortcollagen etc. oder solche von Schriftstellerinnen oder Schriftstellern ihres Herkunftslandes auf die zu gestaltenden Bildflächen.

Wo sind die Menschen untergebracht?

Die jungen Menschen wohnen im Pfadiheim Solothurn und setzen sich bei Werkstattgesprächen, während des Zusammenlebens und der gemeinsamen Arbeit mit politischen, sozialen und künstlerischen Fragen auseinander. Dabei werden Unterschiede zwischen ihren Kulturen, aber auch Gemeinsamkeiten entdeckt. Der interkulturelle Dialog entsteht.

Im Jahr 2017 haben Sie einen Preis erhalten. In welcher Sparte und warum?

Von der Regierung des Kantons Solothurn wurde ich für mein langjähriges Engagement mit dem Preis für Kulturvermittlung 2017 ausgezeichnet. Einige meiner Geschichten und viele meiner Kulturprojekte – zwischen 1994 und 2002 – wurden im Buch zeit.insel publiziert. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit Sonja Oswald, Grafikerin, Daniel Lüthi, Fotograf und Künstler, Cornelia Studer, Autorin, und Stephan Feingold, Musiker. Ich denke, in zwei Jahren wäre das nächste Buch fällig.

Glauben Sie, dass das Interesse an Kultur verloren geht oder nicht alle Menschen dazu Zugang haben?

Ich glaube, in der westlichen Welt gab es noch nie so viel Interesse an Kultur wie heute. Die lange Konjunkturphase nach dem 2. Weltkrieg hat Kultur für die westlichen Industriegesellschaften wirklich sehr bedeutsam gemacht. Es gibt die Kunst, die Kultur- und Unterhaltungsindustrie (Museen, Theater, Konzertbetrieb, Film, audiovisuelle Medien), Kulturaustauschprogramme, Kulturhäuser, Förderung lokaler Kulturinitiativen, die Kulturpolitik, den Kulturtourismus, die Kulturkompetenz etc.

Und es gibt den Kulturschock …

Ich habe auf meinen vielen Reisen meine eigene Kultur reflektiert und mir Fragen gestellt, die ich mir ohne Kulturschock nie gestellt hätte, und ich habe auch Antworten gefunden. Jeder Mensch, der sich für Kultur interessiert, findet Zugang zur Kultur. «Kultur braucht die Fantasie der Menschen, und die Fantasie der Menschen braucht die Kultur.»

Sie waren oft auf Studienreisen.

Bevor meine beiden Kinder geboren wurden, habe ich Europa, die USA, Kuba, Algerien, Indien und den Nahen Osten bereist. Ich erinnere mich gerne an die Lebensfreude der Menschen, die intensiven Farben, die vielen spontanen Begegnungen und das Leben im Moment. Gelernt habe ich vor allem alle Kulturen so zu nehmen wie sie sind, auch wenn sie sich vorn, unserer stark unterscheiden.

2021 realisierten sie auch ein Projekt mit der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen im Bundeshaus zum Thema «50 Jahre Frauenstimmrecht». Wie haben Sie das umgesetzt und was bewegte Sie dabei mitzumachen?

Frauen hatten zwar schon immer Stimmen, aber das nationale Stimm- und Wahlrecht wurde ihnen in der Schweiz erst vor 50 Jahren zugesprochen. Von Oktober–Dezember 2021 waren 67 Figuren von 67 Künstlerinnen des Berufsverbandes SGBK (Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen) im Bundeshaus Bern anwesend. Die Show Frauen im Bundeshaus war ein Gesamtkunstwerk und als politische Aktion konzipiert. Die Frauensilhouetten standen für die persönliche Präsenz der beteiligten Künstlerinnen, die aus der ganzen Schweiz stammten.

Einzeln oder gruppenweise standen die Figuren in Lebensgrösse und unübersehbar auf dem Terrain der schweizerischen Politik-Zentrale.

Ja, es war eine Art Eroberung und der Ort hatte Symbolwert. Mit den Frauenfiguren wurde angezeigt, dass die Gleichberechtigung in vielen Belangen noch immer eine Forderung ist. Ich persönlich realisierte eine Figur zum Thema «Freiheit».

Und was bedeutet Freiheit für Sie innerhalb der Kunst?

Kunst ist frei und wird es auch immer bleiben. Kunst hat unzählige Bedeutungen, deshalb gibt es auch so viele Gründe, Kunst zu schaffen und sich mit Kunstwerken auseinanderzusetzen. Kunst ist Hinterfragen von Aussagen, Kunst ist Suche nach Sinn, Kunst ist Sinngebung, Kunst ist Ausdruck von Sinnzweifel, Kunst ist Zukunftsvision, Kunst ist Spiegel der Gegenwart, „Kunst ist Spiegel der Vergangenheit, Kunst soll Fragen stellen usw.

Die Solothurner Kulturwoche ist ein Projekt, welches vorab in den Schulen im Kanton Solothurn bekannt ist. Sie selbst bieten auch Workshops an?

Die Solothurner Kulturwoche bietet eine Fülle von Erlebnissen. Es gibt um die 20 verschiedene Workshops in den Bereichen Tanz, Theater, Musik und Literatur und sie finden direkt in den jeweiligen Schulhäusern statt. Die Leitung der Workshops übernehmen diverse Künstlerinnen und Künstler aus allen Sparten. Die Kulturwoche soll den Kindern und den Jugendlichen die Gelegenheit bieten, sich mit verschiedenen kreativen Ausdrucksformen zu beschäftigen. Manche Kinder entdecken dort erst ihre Talente.

Worin liegt die Grundidee der Kulturwoche?

Die Kursleiter haben sich zur Aufgabe gemacht, die Freude am kreativen Schaffen in den Schülerinnen und Schülern zu erwecken und vor allem auch zu fördern. Bis jetzt haben wir nur positive Erfahrungen gemacht und wir führen auch im Jahr 2023 wieder eine Kulturwoche durch.

Machen Sie auch einen Workshop?

Ja, ich selbst habe zum einen Gipsworkshop für die Primar- und Oberstufe angeboten. Wir verschicken jedes Jahr Flyer in die Schulen und bei Interesse kann man die Workshops online buchen. (solothurnerkulturwoche.ch)

Wie haben Sie als Kulturschaffende eigentlich die Coronakrise erlebt?

Am Anfang hat mich der Stillstand aus den Bahnen geworfen. Obwohl ich es mir praktisch herbeigeschworen habe, mehr Zeit für eigenes Schaffen zu haben, war es doch ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, als dann gar nichts mehr lief. Ich habe die Zeit genutzt die Natur neu zu entdecken, wie zum Beispiel ausgiebige Spaziergänge an der Aare zu machen, oder ich habe mich in die Literatur vertieft.

Was haben Sie gelesen?

Ich habe vieles von vergessenen Kulturen gelesen, befasste mich mit Geopolitik oder Permakultur. Als Nächstes werde ich mir «Hamlet» von William Shakespeare zu Gemüte führen. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Was bedeutet «Reichtum» für Sie?

Meinen Sie materiellen Reichtum? Ich bin reich an Ideen, Gedanken, Fantasien, spannenden Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, philosophischen und futuristischen Gesprächen etc. Materielle Güter berühren mich wenig. Ich denke, wenn die Grundbedürfnisse des Menschen erfüllt sind, kann sich der wahre Mensch mit der Kultur, dem Glück und dem Wohlbefinden befassen. Gier und Macht gehören nicht zum wahren Menschen.

Sie interessieren sich für alle Kulturen dieser Welt. In welches Land würden Sie auswandern?

Mir gefällt es in der Schweiz sehr gut. Ich bin zwar eine leidenschaftliche Reisende, komme aber gerne wieder ins Berner Seeland zurück. Somit würde ich mich nicht fürs Auswandern entscheiden. Wenn ich «der kleine Prinz» wäre von dem Autor Antoine de Saint-Exupéry würde ich von Planeten zu Planeten reisen, so wie ich es oft in meinen Träumen als Kind gemacht habe, als ich das Buch gelesen habe.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Eigentlich bin ich bereits mit einem Wunsch zufrieden. Ich würde mir Freiheit und Liebe für die ganze Menschheit wünschen. Kurz: den Weltfrieden ausrufen.

Was für aktuelle Projekte haben Sie?

Zurzeit stelle ich drei Gartenplatten mit dem Titel «Wir bauen eine neue Welt» im Schloss Leuk aus. Die Ausstellung ist eine Jubiläumsausstellung der Schweizerischen Gesellschaft bildender Künstlerinnen (SGBK) und dauert noch bis am 12. August.

Interview: Sarah Weya