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Gespräch zum Johr mit Von Rohr

«Ich habe ja ein ganzes Heer von Schutzengeln und wohne zwischen drei Klöstern»


"Gesundheit, Freude, Freiheit und Offenheit für uns alle. Und raus aus dem Abgrund der Angst". - das wünscht sich Chris von Rohr fürs 2023!




Für Chris von Rohr (71) gehört das Jahr 2022 zu den besten seines Lebens. Nicht nur der besonderen Ehre wegen, die ihm und seinen Kumpels von Krokus heuer mit dem Konzert in der Heimat Solothurn und dem Monument auf der Chantierwiese zuteil wurde. Im Gespräch zum «Johr« sprich von Rohr u. a. über die wertvolle Beziehung zu seiner wachen und herzvollen Frau, das Krokus-Konzert am 6. Mai 2023 im Hallenstadion, die hitigen Kicks mit den coolen Kids auf der Loretowiese, Argentinien, das wilde Feuer,das nach wie vor in ihm brennt, den Christen in Chris, das unbelehrbare Menschentier, gute Hoffnung und Monkey-Business.

Chris, welchen Rang belegt das Jahr 2022 in der Hitparade deiner bis dato 71 Lebensjahre?

Ganz weit oben, auf jeden Fall Top 3. Es passte einfach so vieles – beruflich, privat und überhaupt. Highlights waren die Rolling Stones in London, Jeff Beck in Montreux und natürlich die 2000-Jahre-Solothurn-Feier, wo wir mit Krokus rockten. Da stimmte einfach alles. Nie zuvor hat die ganze Band in dieser Stadt danach derart begeisterte Komplimente bekommen, und zwar von Menschen, die wir nicht kennen und die wohl zum ersten Mal an einem Krokus-Konzert waren. Das hat mich berührt.

Warst Du nervöser als sonst vor dem Heimspiel?

Heimspiele haben meist so ihre eigene Dynamik. Einiges hätte da schieflaufen können. Glücksgöttin Fortuna hat eine ausgeprägte Vorbereitung aller Mitbeteiligten schliesslich belohnt. 2022 wird sicher einmalig und unvergessen bleiben. Alle, die dies verpasst haben, können uns am 6. Mai im Hallenstadion zum Classic Rock Fest sehen. Da werden wir zusammen mit Uriah Heep und der BBR-Band von Manu (Divertimento) noch ne Schippe drauflegen.

Und privat?

Da ist man einfach glücklich und dankbar, wenn die Liebsten gesund und zufrieden sind. Meiner Tochter geht’s bestens, sie arbeitet in Zermatt, einem der schönsten Flecken dieses Landes, in der Nähe der schweizerischen Pyramide. Und ich bin seit bald 3 Jahren mit einer starken, wachen und herzvollen Frau zusammen, die mein Leben in jeder Hinsicht bereichert. Es ist einfach ein Geschenk, wenn man nicht nur am selben Strick zieht, sondern auch in dieselbe Richtung gezogen wird. Da ist vieles möglich. Wir sind beide glücklich, genährt und lachen viel. Ein echter Zugewinn nach all den Irren und Wirren meines Lebens.

Und davon gab’s ja einige …?

Das kann man sagen (lacht). Sie hatten aber alle ihre Berechtigung und damals auch ihre Qualitäten. Mit den meisten habe ich heute noch einen losen Kontakt und es herrscht keinerlei Bitterkeit oder gar Abschätzigkeit. Man bleibt freundschaftlich verbunden und hilft sich, wenn Not an der Frau oder am Mann ist. Ich finde es befremdend, wenn Menschen ihre früheren Beziehungen schlechtreden oder unterdrücken – vor allem wenn noch Kinder mit im Spiel sind. Die leiden dann am meisten.

Warum soll man sich nicht anständig begegnen, wenn man X Jahre miteinander verbracht hat – dieses Thema hast Du ausführlich in deinem Buch Himmel Hölle Rock’n’Roll beschrieben ?

Ja! Auch deswegen kam meine heutige Partnerin auf mich zu. Ihr gefiel der Respekt und das Loblied auf meine früheren Partnerinnen.

Zu der Liebe zu Krokus. Ihr habt ein Denkmal in Solothurn gekriegt – den Stein auf der Chantierwiese. Dazu das Konzert im Rahmen der 2000-Jahr-Feier mitten in der Stadt – eine geballte Ladung Würdigung, oder?

Ja, und eine gefreute Sache. Es war ja ein sehr langer Weg dahin. Wir fingen ja bei unter Null an. Ich glaube, ohne überheblich zu sein, dass die Band sich das verdient hat. Nicht weil wir uns besser als andere fühlen, sondern einfach, weil wir unermüdlich über all die Jahrzehnte als rockende Botschafter weltweit unterwegs waren. Da schwingte immer ein Stück Solothurn mit.

Cool hat die Stadt dieserkannt …?

Wie gesagt, früher wechselten die Leute oft die Strassenseite, wenn wir kamen. Heute ist das Gegenteil der Fall. Free Drinks und Freude allenthalben. Ich glaube, beide Seiten haben sich da im Laufe der Jahre angenähert. Und auch der Ex-Bundesrat Ueli Maurer überreichte begeistert nach diesem Konzert jedem einzelnen Musiker eine Würdigung der Eidgenossenschaft für unser Schaffen. Ebenfalls eine sehr schöne Geste.

Haben diese Würdigungen etwas mit dir, euch gemacht?

Jeder Mensch braucht und liebt Anerkennung – gerade in schwierigen Zeiten ist das Balsam. Ich glaube, alle waren gerührt oder geschüttelt. Man wird da demütig und freut sich einfach, jeder für sich auf seine Art. Ich lief nach dem Konzert spätnachts mit Fernando von Arb nach Hause. Beide ein grosses Lächeln im Gesicht. Ein sehr schöner, erhebender Moment. Unvergessen dieser Abend. Und auch heute melden sich Fans, die den Rock-Stein bewundern gehen und Selfies mit ihm machen. Gut gemacht, Solothurn!

Wie nimmst du die allgemeine Stimmung im Lande wahr?

Bewege ich mich ausserhalb meines privilegierten happy Künstler-Kreises, wenn ich die Post oder Leserbriefe lese, mit den unterschiedlichsten Menschen auf der Strasse, im ÖV, in Restaurants oder sonst wo spreche, erfahre ich einiges an Aussagen und Anliegen, die zu denken geben.

Inwiefern?

Wie noch zu keiner Zeit zuvor höre ich mehr Klag- als Freudenlieder. Seit Corona, Krieg, Wokewahnsinn, Cancel Culture, Teuerung, der grassierenden Hochmoral und der durchgeknallten Korrektheit ist nichts mehr wie’s vorher mal war. Die Leichtigkeit und die Fröhlichkeit sind vielerorts verschwunden. Leider auch die Zuversicht. Dazu kommt ein steigendes Misstrauen gegenüber Politikern und Medien. Zu viele Ungereimtheiten und Verschleierungen sind in diesen Krisenjahren zusammengekommen. Viele sprechen von einer Zeitenwende. Ich bin kein Niedergangs-Theoretiker – wir müssen locker bleiben. Einiges wird sich wieder einrenken.

Obwohl es sich gerade anfühlt, als ginge vieles bachab, weil uns zunehmend das Gegenteil von dem, was ist, oder nur  eine Seite davon als Wahrheit angepriesen wird. Was tun dagegen?

Wir sollten uns vor Augen halten, dass die Schweiz vor gar nicht so langer Zeit das Armenhaus Europas war. Erst innovative, private Initiativen und mutiges Unternehmertum brachten den Wohlstand. Also unbedingt darauf achten, dass unsere direkte Demokratie, wo das Volk das Sagen hat, nicht verloren geht. In meinen Augen praktizieren zurzeit zu viele Politiker eine abgehobene Planwirtschaft ohne Plan. Stichwörter: zunehmende Kriminalität, Energiewende, Krankheitskosten, Schulwesen, Migration, Fachkräfte-mangel ... Es muss nicht sein, dass wir auch hierzulande wie im EU-Sumpf von Problemherd zu Problemherd, von Filz zu Filz stolpern und sich die Fronten ständig verhärten, weil staatskritische Stimmen verteufelt oder unter-drückt werden. Eigenständiges Denken, Hinterfragen und die Freiheit dürfen nie aufgegeben werden.

Krisen sind immer auch Chancen?

Ja, Chancen, gewisse Dinge und Abläufe zu überdenken und zu verbessern. Die disziplinierende Kraft der Wirklichkeit holt uns alle früher oder später wieder ein. So ist das Leben – wir leben und wir lernen. Eine erneute Spaltung, Hetze und Weltuntergangs-Fantasien zum Reizthema Klima und Energie braucht und will niemand. Empörungskultur und Extremismus haben noch nie etwas gebracht. Aufeinander zugehen, schlichten anstatt zu richten, verzeihen, miteinander reden und zuhören ist angesagt.

Und jetzt noch obendrauf ein Krieg?

Echt schlimm! Das Menschentier hat scheinbar nichts dazugelernt.

Aber wie wird das enden?

Waffen haben noch nie Frieden gebracht. Wenn wir Frieden in der Welt erlangen wollen, müssen wir zuerst bei uns selbst anfangen, bei den Kindern», sagte der grossartige Mahatma Gandhi, Vater der indischen Unabhängigkeit. Er konnte sein Land durch gewaltlosen Widerstand befreien. Dahin müssen wir schauen und lernen – uns selber immer öfter bewusst werden, was für eine Welt wir eigentlich wollen, anstatt einfach das zu tun, was jeder andere tut. Und wenn jemand, der für Frieden ist, plötzlich Feind sein soll, stimmt was Grundsätzliches nicht mehr. Aber bitte Themawechsel.

Anderes Thema – du magst Fussball – sind die Richtigen Weltmeister geworden?

Ja! Es war das spannendste und beste WM-Finale, das ich in all den Jahren sehen durfte. Spieler in Top-Form und nicht ausgelaugt nach einer ganzen Spielsaison. Für das krisengeschüttelte Argentinien war das natürlich ein Segen, es hätte auch anders kommen können. Zum Glück entschied sich der Fussballgott für die Richtigen.

WM im Winter in Katar – das hat enorm viel Kritik im Vorfeld hervorgerufen. Wie ist da deine Meinung?

Trotz allen Miesepeter-Stimmen war es ein grossartiges Turnier und schöne Spiele, die wir erleben durften. Die Jahreszeit war etwas gewöhnungsbedürftig, aber es kam gut. Fussball ist viel mehr als Politik und verbindet Menschen aller Rassen. Es gab keinerlei Gewalt. Ich hatte einige SMSs mit Pedro Lenz, Sascha Rufer und anderen Kickfans. Es liess uns die Kälte und das Chaos dieser Welt etwas besser ertragen.

Wenn du ein Fussball- statt Rockstar geworden wärst – welcher Spieler würde dich am ehesten repräsentieren?

Kuno Lauener von Züri West nannte mich mal den Libero bei Krokus. Auf dem Rasen bin ich eher der Mario-Basler-Stürmer-Typ. Das linke Bein brauch ich, damit ich nicht umfalle und mit dem rechten gelingt hie und da ein schönes Goal. Es macht mir auf jeden Fall immer wieder sehr grossen Spass, mit den coolen Quartier-Kids auf der Loretowiese zu kicken. Definitiv ein Highlight jedes Jahr.

Pipo Kofmehl vom Rostwürfel Kofmehl sagte letzthin in einem Interview: Unglaublich was dieser CVR alles noch reisst mit seinen 70 Lenzen. Was hält dich eigentlich so fit?

Es ist einfach schön die Arbeit tun zu dürfen, die man liebt. Dieses wilde Feuer brennt zum Glück noch. Und das körperliche ist keine Hexerei. Ich mache drei Mal die Woche 3–5 km auf meinem Crosstrainer, ein paar Yogaübungen, Stretching und neustens noch Atemübungen – erstaunlich, was das bringt. Dazu einfach gesund essen, frische Luft und möglichst ein glückliches Leben führen ohne zu viel Monkey- Business. Aber ich hab wie alle anderen auch meine miesen Tage, da wollen wir nichts schönreden.

Was machst du dann?

Es gibt einfach Momente, da musst du innehalten. Wenn möglich ziehe ich mich dann zurück, versenke mich etwas oder lese in einem Buch. Also weniger machen, mehr fühlen. Rein in die passive Energie. Funktioniert. Am Schluss ist alles immer wieder eine Gefühlssache. Wie ich fühle, bin ich. Das läuft in der Musik genau so. Feeling is everything.

Was liest du gerade?

Bob Dylan: «Die Philosophie des modernen Songs» und die gesammelten Zitate von Oscar Wilde.

Wieviel Christ steckt eigentlich in Chris?

Hmmh, jetzt gehst du aber tief! Ja, ich bin als Christ aufgewachsen und verehre Jesus und Maria. Ich halte die Bibel für eines der grössten und wichtigsten Bücher aller Zeiten. Was allerdings die Kirche daraus gemacht hat, steht auf einem anderen Blatt. Diese ganzen blutigen Religionskriege sind dermassen schlimm, einfach unfassbar. Sie haben rein gar nichts mit der Botschaft Jesu zu tun. Und ja: ich glaube an Engel. In menschlicher und übermenschlicher Form. Ich habe ja ein ganzes Heer von Schutzengeln und wohne zwischen drei Klöstern. (lacht)

Du scheinst auch ein spiritueller Mensch zu sein?

Spirituell ja, esoterisch nein. Einfach probieren, die Dinge vertiefter zu sehen und zu leben. Osho war da ein grosser Lehrer und gerade heute in dieser durchgedrehten Welt brandaktuell. Am Schluss geht’s darum, dass alles schon in uns selbst drin ist. Man muss es nur ans Tageslicht fördern. Jedes Wesen ist wertvoll und muss nicht in Mangel oder gar Selbstverachtung leben. Es braucht nur ein bisschen Mut und Vertrauen, egal was die anderen sagen. Seinem Herzen zu folgen, zahlt sich aus.

Etwas wagen, reflektieren, meditieren, seinen Träumen zu folgen und die Herzoffenheit kultivieren, um das geht es?

Genau so! Vieles ist schon da, in uns drin und jeder Mensch hat mehrere Talente, die es zu entdecken gilt. Ich kann alle nur dazu ermuntern, ihren eigenen Weg zu gehen. Wenn ich das schaffe, kann das jeder.

Wenn Chris von Rohr keine Pläne mehr im Kopf hat, ist er tot. Du lebst aber ganz fidel und gut – wie steht es um deine Zukunftspläne?

Wie ging der Spruch? Willst du Gott zum Lachen bringen, erzähl ihm von deinen Plänen. Durch meine Lebenssanduhr läuft gerade Platin, mit anderen Worten: Lebe jeden Tag so intensiv und sinnvoll wie möglich. Das ist das, was ich probiere. Ich arbeite an einem neuen Buch, schreibe monatlich meine Kolumne in der Schweizer Illustrierten und es wäre natürlich sehr schön, wenn wir mit Krokus 2024 unser 50-Jähriges berocken könnten. Aber eines nach dem anderen, zuerst steht ja mal das 2023 an.

Und was wünschst du dir für das Jahr 2023?

Gesundheit, Freude, Freiheit und Offenheit für uns alle. Und raus aus dem Abgrund der Angst. Daraus kann nichts Gesundes entstehen. Wir haben nur rund 4000 Wochen auf diesem Planeten. Diese sollten wir zuversichtlich und kreativ nutzen. Jeder Tag zählt.

Interview Michael Schenk