Leute

Überbauung «Lohnend» eingeweiht

» Mehr

Regio Info

Vom 17. - 28. Oktober trumpfen die 28. Jazz-Tage Langenthal mit einem mitreissenden Programm auf

» Mehr

Kopf der Woche

Marie-Louise Kissling

» Mehr
Marie-Louise Kissling

Sie will das Präsidenten- Zepter weitergeben


Marie-Louise Kissling wurde 1988 zur Präsidentin des Stadtorchesters Solothurn gewählt und hat auf Frühjahr 2019 demissioniert. Die Geige spielende Vorsitzende führte die erfolgreichen Kinderkonzerte und Neujahrsmatineen ein, steigerte die Abonnenten von 60 auf 360. Künftig will Marie-Louise Kissling mehr Zeit für die Enkel, das Klavier, Tanzen und Windsurfen haben.

Marie-Louise Kissling ist durchtrainiert, immer auf Achse. Still stehen passt nicht zur Frau mit den langen Locken, die sie nur bei besonderen Gelegenheiten hochsteckt. Mit dem ihr eigenen Vorwärtsstreben prägte sie auch den Erfolg des Stadtorchesters Solothurn. Mit dem Mut zum Verändern und Loslassen, sicherte sie dem Stadtorchester über all die Jahre Wachstum und Kontinuität. Bevor sie sich zum Rückzug entschloss, verpflichtete sie mit Harald Siegel einen professionellen Dirigenten, öffnete dem Klangkörper die Türe um sich personell zu verjüngen und musikalisch neue Wege zu suchen. Seit 1975 als Geigerin aktiv im Stadtorchester, erlebte sie noch den Ausklang der Ära Corrado Baldini, spielte unter Dirigenten wie Anton Zwolensky, Matthias Steiner und George Vlaiculescu. Vor allem die beiden Letzteren arbeiteten eng mit ihr zusammen. «George war 25 Jahre unser Dirigent und ich übernahm viele seiner eigentlichen Pflichten, gestaltete das Programm (er selbst träumte von Werken, die oft ausserhalb unserer Möglichkeiten lagen), suchte Zuzüger und vieles mehr», erzählt sie. Stütze während auch turbulenten Jahren war ihr dabei Matthias Steiner, der nach der zweijährigen Periode als Dirigent die Auftritte vor allem als Konzertmeister motivierte und für die Streicher zur wichtigsten Stütze avancierte. Kraft für das aufwendige Präsidium (neben Geige üben und Primarschüler unterrichten) schenkte ihr der Sport und der Kontakt mit Kindern. Mit der Idee, spezielle Kinderkonzerte zu organisieren, begeisterte sie unzählige Kids für klassische Musik. Die ersten Programme moderierte sie selber, animierte die kleinen Besucher zum Klatschen, Stampfen und Tanzen. Liess sie bei der «Schlittenfahrt» das Glöcklein läuten oder bei Haydns Uhrensinfonie mit Stäben den Takt schlagen. Internationalität in die Region brachte sie mit einer Orchesterreise nach Moskau und dem Besuchen und Gegeneinladen des Orchesters von Quebec.

Mit Herzblut und viel Energie
«Reisen liessen die Orchestermitglieder enger zusammenrücken», stellt sie fest. Für das von Herzblut getragene Engagement dankten ihr die Musikerinnen und Musiker mit einem grandiosen Geburtstagsständchen und einem Sketch, der ihre von ständigen Anrufen unterbrochene Übungsstunde persiflierte. Marie-Louise Kissling verpflichtete grosse Stars und bekannte Musiker der Region wie Patricia Kopatchinskaja, Claire Huangci, Evelyne Grandy und Maki Wiederkehr. Nur mit dem Gastspiel von László Polgár wurde nichts.Trotzdem verbindet sie mit ihm eine Anekdote: Der Sänger sagte am Abend vor dem Konzert ab, ein anderer Bassist musste her. «Um 23.00 Uhr telefonierte ich Vlaiculescu und erzählte ihm vom Dilemma. Der lachte und meinte, er chauffiere gerade einen Bassisten der «Entführung aus dem Serail» nach Hause. Ergo habe er die Osmin-Arie drauf und sei bereit, am anderen Morgen einzuspringen.» Als Laurence-Russel Albert, farbiger Beau mit Rasta-Zöpfchen, auf die Bühne schritt, hatte er das Publikum gewonnen, noch bevor er einen Ton gesungen hatte. Solche Erlebnisse gaben ihr immer wieder Impulse zum Weitermachen. Als das Stadtorchester mit Dvoraks Sinfonie «Aus der neuen Welt» brillierte, fand die Präsidentin anderntags ein Covert mit einigen Hundert Dolla. «Eine Spende mit Noten aus der neuen Welt», lacht Marie-Louise Kissling und fügt an, die Geste habe sie sehr berührt. Doch lieber als zurück schaut das Energiebündel nach vorne: Im November wartet das Tschaikowsky- Klavierkonzert mit Clair Hunagci und als Konzertbesucherin das Weihnachtsoratorium für Kinder, bei dem ihr Enkel erstmalsmitsingt. Wenn dieses Porträt erscheint, packt Marie-Louise Kissling die Koffer, fliegt ans Rote Meer, geniesst das Surfen. Stillstand ist nicht ihr Ding. Silvia Rietz